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Lichtverschmutzung

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Die magische Wirkung von künstlichem Licht auf Insekten wird auf diesem Bild (mit langer Verschlusszeit bei der Aufnahme) deutlich. Foto Andreas Zehm<

Zum Leidwesen der Insekten wird die Welt seit Ende des 19. Jahrhunderts immer heller. 1879 stellte der Physiker Thomas Edison der Öffentlichkeit die erste kommerziell nutzbare Glühbirne vor. Seitdem wird die Nacht immer mehr zum Tag, insbesondere in urbanen Gebieten, wo Millionen Menschen leben. Ein beeindruckender Beleg für diese Entwicklung sind Nachtaufnahmen der Erde aus dem All. Die nächtlichen Fotos, die von der Internationalen Raumstation ISS und von Satelliten aus gemacht werden, führen uns einen beunruhigenden Trend vor Augen: Immer mehr Regionen auf unserem Globus strahlen besonders hell ins All. Die Verbreitung der Helligkeit bei Nacht hat in den letzten Jahrzehnten auch durch neue Technologien wie LED-Lampen immer weiter zugenommen. Mittlerweile erleben hunderte Millionen Menschen keine völlige Finsternis mehr. Die Lichtglocke, die sich über die urbanen Räume legt, hat die Dunkelheit verdrängt. Dies hat auch für die Tierwelt weitreichende Folgen.

Wenn die Nacht zum Tage wird

Durch die Ergebnisse intensiver und interdisziplinärer Forschung erkennen wir zunehmend, wie folgenreich die Erfindung der Glühbirne für andere Lebewesen ist. Was dem Menschen entscheidenden Fortschritt brachte, raubt nachtaktiven Tieren die Orientierung. Sie verirren sich, werden im Licht gefangen und sterben an Lampen oder hell erleuchteten Flächen an Erschöpfung oder durch Fressfeinde, denen sie gewissermaßen auf dem Präsentierteller serviert werden. Auch das Fortpflanzungssystem vieler Arten gerät aus den Fugen, Vermehrung findet ungebremst statt oder bleibt ganz aus. Der Jahrmillionen alte Rhythmus von Helligkeit und Dunkelheit, der die Evolution maßgeblich beeinflusst, ist von uns Menschen so verändert worden, dass die innere Uhr und der Hormonhaushalt gestört werden können. Das gilt nicht nur für Insekten, sondern auch für uns Menschen. Schlafstörungen, Erschöpfungszustände und weitere Krankheiten werden mittlerweile mit der Lichtverschmutzung in Verbindung gebracht. Das Phänomen der „Lichtverschmutzung“ oder des „Lichtsmogs“ nimmt aktuell in der öffentlichen Diskussion zu.
Unser Wissen über den Artenrückgang durch Lichtsmog wächst beständig. Auch die verheerenden Folgen für die Biodiversität durch das Verschwinden ganzer Arten werden deutlicher. Aktuellere Forschungsergebnisse zeigen zunehmend auch die enge Verkettung und Abhängigkeit von Arten untereinander auf: Auch wenn sind auch nur wenige Glieder eines Systems gestört oder verschwunden sind, kann es unter Umständen insgesamt kollabieren. Durch den Rückgang nachtaktiver Insekten, wie beispielsweise Nachtfalter, beginnt eine negative Ereigniskette:
Zum einen fehlt die Nahrungsgrundlage für andere nachtaktive Tiere wie Fledermäuse. Zum anderen ist die Blütenbestäubung gestört und damit der Fortbestand bestimmter Pflanzenarten gefährdet. Wie neueste Studien zeigen, kann dieser Verlust auch durch tagaktive Bestäuber nicht ausgeglichen werden.

Gegensteuern und Handeln – aber wie?

Dem Verlust der Artenvielfalt bei Nacht muss durch konkretes Handeln gegengesteuert werden. Die ersten Schritte beginnen im eigenen Garten, an den eigenen Hauswänden und vor der eigenen Haustür. Jeder Mensch, aber auch jedes Unternehmen und jede Gemeinde kann zur Verbesserung der Situation beitragen. Alle können mit nur wenigen einfachen Maßnahmen künstliche Beleuchtung reduzieren.
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Die Künstliche Beleuchtung von Bäumen bei Nacht, sollte wie bei dieser Kunst-Installation, eher die Ausnahme bleiben. Fotos Andreas Zehm
Einige bayerische Kommunen wirken der Lichtverschmutzung bereits vorbildlich entgegen. Manche Gemeinden haben kluge und nachtfreundliche Beleuchtungskonzepte erarbeitet, die die Verleihung des touristisch wertvollen Prädikats „Sternenpark“ ermöglichen. Das Biosphärenreservat Rhön und die Winklmoosalm bei Reit im Winkl sind hierfür als gute Beispiele zu nennen. Aufgrund einer „natürlich dunklen“ Nacht kann man hier die Milchstraße und eine überwältigende Anzahl Sterne bestaunen – 30-mal mehr als über einer Großstadt. Die internationale Anerkennung der Heimat als „Region mit besonders geringer Lichtverschmutzung“ würdigt solche umweltfreundlichen Anstrengungen.
Die Artenvielfalt vor übermäßigem und schädlichem Lichteinfluss zu bewahren ist Teil der Bayerischen Biodiversitätsstrategie. 2020 hat das StMUV einen Leitfaden zur Eindämmung der Lichtverschmutzung mit zahlreichen Handlungsempfehlungen für Kommunen herausgegeben. Daraus kann jede einzelne Person ganz leicht Maßnahmen für ihr eigenes Wohn- und Arbeitsumfeld ableiten und somit zur Reduzierung der Lichtverschmutzung beitragen.
Die wichtigsten Maßnahmen im Zuge einer Lichtplanung lassen sich in folgenden zentralen Punkten zusammenfassen:

  • Im Außenbereich sollten Lampen nur für notwendige Wegbeleuchtungen und zum Auffinden der Haustür eingesetzt werden. Auf alle weiteren dekorativen Beleuchtungen sollte verzichtet werden.
  • Die Lichtintensität der Außenbeleuchtung kann häufig stark reduziert werden und die Beleuchtung insgesamt zeitlich beschränkt werden (z. B. nur bis 23 Uhr oder Mitternacht), das spart auch Kosten.
  • Um starke Blendwirkungen zu vermeiden, sollten Lampen an den Hauswänden das Licht immer nur senkrecht nach unten lenken.
  • Leuchten sollten eine warm-weiße Farbtemperatur von 3.000 Kelvin nicht überschreiten. Das zieht weniger Insekten an. Fragen Sie beim Kauf von Leuchtmitteln nach der Farbtemperatur.

Diese genannten Informationen und Handlungsempfehlungen dienen auch als Leitlinie für alle Interessensgruppen, die sich für mehr Biodiversität durch Lichtsmog-Reduzierung engagieren möchten. Hier einige Beispiele für Bereiche, in denen sich verstärkter Lichtschutz sehr lohnt:

  • Industrie und Gewerbe: Lichtverschmutzung verursachen z. B. hell erleuchtete Parkplätze, illuminierte Gebäude, nächtliche Innenraumbeleuchtung hinter Glasfassaden und Schaufenstern, aber auch Gewächshäusern, ebenso hell leuchtende Werbetafeln und Leuchtreklamen. Der Lichtsmog kann durch zeitliche Begrenzung oder das Abschalten jeder zweiten Lampe deutlich reduziert werden. Auf großen Freiflächen und Werbetafeln sollte vor allem in die Umgebung abstrahlendes Streulicht vermieden werden. Dies ist durch gut ausgerichtete Lampen und so genannte cutoff-Leuchten mit senkrechtem und abgeschirmtem Lichtkegel erreichbar, ohne dabei den Werbeeffekt zu mindern. Fragen Sie Ihren Werbetechniker.
  • Kirchen und Baudenkmäler: Eine umweltverträgliche Kirchen- und Denkmalbeleuchtung ist technisch durch Abblendung von Scheinwerfern und durch Nachrüstung mit insektenfreundlicheren Strahlern oder Leuchtmitteln möglich. Ebenso hilft die zeitliche Einschränkung, beispielsweise durch Abschaltung eine Stunde nach Sonnenuntergang und die Beschränkung der Kirchenbeleuchtung auf Sonn- und Feiertage.
  • Sportstätten: Nicht nur die großen Fußballstadien markieren abends im Himmel weithin sichtbar ihren Standort. Auch Flutlichtanlagen an Sportstätten erhellen die Nacht. Eine Umrüstung auf moderne LED-Beleuchtungsanlagen mit gut geplanter Lichtverteilungen und gleichmäßiger Ausleuchtung sorgt für eine Reduktion der Lichtemission. Mit asymmetrischen horizontal positionierten Scheinwerfern und einem geringen Anstellwinkel bleibt der Bereich oberhalb der Leuchte dunkel und die Beleuchtung stört weder das Leben im nächtlichen Luftraum noch die Anwohner und Anwohnerinnen. Auch für Flutlichtanlagen sind insektenfreundliche Farbtemperaturen von 3.000 K möglich. Lichttechnische Mindestanforderungen sollten eingehalten, aber nicht überschritten werden.
  • Veranstaltungs- und Eventbranche: Starke senkrecht in den Himmel gerichtete Lichtkegel, so genannte Skybeamer, und Lasershows werden gerne bei abendlichen Freiluftveranstaltungen und zur Aufmerksamkeitssteigerung für bestimmte Eventstandorte eingesetzt. Insbesondere zu den Zugzeiten von Vögeln und Insekten (Im Frühjahr und Herbst) sollte auf solche Lichteffekte verzichtet werden.

Allgemein gilt: Künstliches Licht in der Nacht kann die Tier- und Pflanzenwelt erheblich beeinflussen. Die gute Nachricht ist, dass wir alle positive Beiträge zum Eindämmen der Lichtverschmutzung leisten können.